DIE UNABHÄNGIGE FACHZEITSCHRIFT FÜR HOCHZEITSMODE

KI-Expertin Susanne Deiss: Technologie versus Romantik

Kaum eine Branche lebt so sehr von Emotion und Menschlichkeit wie der Hochzeitsmodehandel. Kann Künstliche Intelligenz (KI) auch in diesem Segment ihre Stärken ausspielen? Sie kann nicht nur, sie sollte, sagt Susanne Deiss, Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Handel sowie KI-Expertin. Ihre Überzeugung: „KI wird überall im Handel zum Must-have werden.“ Im Gespräch mit SposaFacts zeigt sie die Potenziale auf.

Interview: Stefanie Hütz

Wie sollten die ersten Schritte eines Händlers in der KI-Welt aussehen?

„Es empfiehlt sich, den KI-Einsatz vom Problem ausgehend zu denken, also zu identifizieren, welches die größten unternehmerischen Herausforderungen sind, und erst dann danach zu fragen, ob sich diese Aufgaben mit KI besser beziehungsweise effizienter lösen lassen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, denn es gibt bereits viele Anwendungsmöglichkeiten. Eine Erfolgsgrundlage ist in jedem Fall gutes Prompten. Ein Prompt ist die Anfrage oder die Anweisung, die man einer KI gibt, um das gewünschte Ergebnis zu erhalten. Je besser der Prompt, desto besser das Ergebnis. Ich rate dazu, es zu lernen.“

In welchen Bereichen des Hochzeitsmodehandels sehen Sie die größten Potenziale für KI-Tools?

„In der Prozessoptimierung, Kommunikation, Eventplanung und auch in der Beratung. Social Media ist ein Ansatzpunkt, mit dem viele starten: Ideen-, Skript- und Bildgenerierung – all das ist mit KI-Unterstützung möglich. Aber auch in der Kundenkommunikation lassen sich Vorteile der Automatisierung nutzen, ob bei der Beantwortung von Anrufen oder Anfragen via Mail oder Website. Schließlich werden vielfach wiederkehrende Standardfragen gestellt. Die KI lässt sich darauf trainieren, welches Wording man nutzt und wie man mit seinen Kundinnen und Kunden interagiert. Im besten Fall klingen die Antworten, als wenn sie vom Inhaber oder der Inhaberin oder einem Teammitglied selbst stammen.“

Welche Möglichkeiten sehen Sie in der Prozessoptimierung?

„Ein hoher Nutzen liegt in der Dokumentation der internen Prozesse. Wie läuft der Beratungsprozess ab? Was wird gemacht, wenn neue Ware eintrifft? Wie funktioniert der Kassenabschluss? Ein solches Handout, das man online abspeichern oder ausdrucken kann, erleichtert den Alltag enorm, insbesondere wenn neue Mitarbeitende eingestellt werden oder jemand krankheitsbedingt ausfällt.

In aktuelle Warenwirtschaftsprogramme ist KI bereits implementiert. Mit ergänzendem KI-Einsatz können Händler jedoch noch tiefere Analysen vornehmen. Beispiel Einkaufsunterstützung: Hier lohnt sich die Auswertung: Welche Stilrichtungen wurden in welchen Farben und Größen wie stark verkauft? Auf dieser Basis lässt sich das Sortiment nochmals schärfen. Die Analyse der Bilanz oder der Verkäuferleistungen sind Ansatzpunkte für weitere Optimierungen. Man kann beispielsweise auch Inventurdifferenzen über verschiedene Filialen identifizieren und Abschriftenlogiken entwickeln.“

Sie nannten die Beratung als Potenzialfeld. Gibt es da keinen Widerspruch zwischen Technologie und Romantik?

„Nein, im Gegenteil. Zum einen können Sprachfunktionen eine wunderbare Hilfe bei internationaler Kundschaft sein. Darüber hinaus bin ich sicher, dass mit der KI künftig sogar noch emotionsstärker als bisher im Store gearbeitet werden kann. Und zwar mithilfe von Avataren, digitalen Zwillingen der Kundinnen. Es wird möglich sein, der Braut die Kleider virtuell anzuziehen und dies an einem großen Screen im Laden sichtbar zu machen. Die Braut kann sich selbst aus allen Perspektiven betrachten, möglicherweise sogar in der Location, in der sie heiratet und feiert. Sie bekommt ein noch besseres Gespür, wie ihr ein Kleid steht, kann sich ausprobieren, mit und ohne Schleier, in dieser oder jener Farbe, ohne all die Kleider anprobieren zu müssen. Es kommen zwei Vorteile zusammen: Erleichterung für die Braut und die Schonung der Ware. Das Anprobieren kann sich dann auf eine fokussierte Endauswahl beschränken. Ich erwarte, dass bis Jahresende diesbezüglich schon einiges möglich sein wird, etwa über Tools wie „SellerPic“, „Kling AI“ oder „Nano Banana AI“.

Apropos Tools: Welche empfehlen Sie darüber hinaus?

„ChatGPT“ ist aus meiner Sicht das Haupttool. Für Recherchen ist „Perplexity“ ein weiteres Mittel der Wahl. Klasse ist, dass es vielfach kostenlose Versionen, auf jeden Fall kostenlose Testmöglichkeiten gibt. Bei ChatGPT empfehle ich, die 20 Dollar im Monat zu investieren. Hier sind die Ergebnisse in der Bezahlversion deutlich besser und das Funktionsspektrum umfangreicher. Die Kosten amortisieren sich schnell.“

Welche Implementierungs-Tipps haben Sie?

„Wichtig ist, nur anonymisierte Daten ohne Klarnamen in die KI hochzuladen, Stichwort Datenschutz. Zudem empfehle ich, in kleinen Schritten zu starten, die Mitarbeitenden mitzunehmen und Hemmschwellen für sie niedrig zu halten. Fest steht: KI wird in unserem Alltag ankommen wie das Internet. Da führt kein Weg mehr dran vorbei!“

Die Expertin

Susanne Deiss hat mehr als 30 Jahre Handelserfahrung, sowohl im Versand- und Onlinehandel, als auch im Wholesale. Bevor sie sich 2018 mit der Unternehmensberatung SD Consulting in Hamburg selbstständig machte, war sie Managing Director von Apart Fashion. Seit 2023 ist Künstliche Intelligenz Consulting-Schwerpunkt. Susanne Deiss bietet Vorträge, Workshops und Kurse an, on- und offline, in Deutsch und Englisch und auch firmenindividuell. Über die neuesten Trends und Tendenzen informiert sie regelmäßig in ihrer Händler-Community unter www.susannedeiss.com.

Hier berichtet Susanne Deiss über KI im Retail

Porträt einer lächelnden Frau mit kurzen grauen Haaren und weißer Bluse, die freundlich und offen in die Kamera blickt, vor hellem, neutralem Hintergrund.
Susanne Deiss

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